Von jemanden, der auszog, um Arbeit und Privatleben besser zu trennen.

Kürzlich war meine sehr gute Freundin Maren zu Besuch. Wir hatten uns lange nicht mehr gesehen und unterhielten uns über verschiedene Themen. Mitunter sprachen wir – wie das in unserem Alter mit Ende 20 fast schon typisch scheint – über Jobs. Als ich mich wieder in meine Begeisterung für meine Arbeit als Lernbegleiter an einer Freien Schule verlor und ellenlange Antworten auf teils banale Fragen gab (ich kann mich in solchen Situationen kaum bremsen…), stellte Maren eine sehr interessante Frage: „Sag mal, wenn ich dich so reden höre, kannst du eigentlich noch Beruf und Privatleben trennen? Oder könnte dich diese Art von Begeisterung nicht dazu verleiten, dein Privatleben zu vernachlässigen und nur noch für die Arbeit zu leben?“

Gibt es sie noch, die Trennung von Arbeit und Privatleben?

Ich hielt kurz inne. Sie hatte zweifellos einen Nerv getroffen. Tatsächlich hatte ich schon länger das Gefühl, dass die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben bei mir immer stärker verschwimmt. Als Lehrperson bin ich es zwar gewohnt, dass ich auch zu Hause nach der Arbeit und am Wochenende etwas für die Schule mache. Anders wäre ein vernünftiges und professionelles Arbeiten (für mich jedenfalls) kaum denkbar. Dennoch bleibt ein ungutes Gefühl, denn wie Google-Mitarbeiter*innen, über die Maren nun sprach, möchte ich auf keinen Fall sein. Google ist für mich ein gewaltiger Konzern, der es blendend versteht, seine Mitarbeiter*innen durch „moderne“ Arbeitsverhältnisse zu animieren, immer länger und intensiver zu arbeiten. Als Selbstverwirklichung getarnt und als Berufung inszeniert, schafft es der Konzern, seine Mitarbeiter*innen im Sinne einer steten Profitmaximierung effizient auszubeuten. Über diese neuen Arbeitsverhältnisse und die damit verbundenen Chancen, Widersprüche und Konflikte habe ich damals im Referendariat eine Unterrichtseinheit in einer 11. Politikklasse durchgeführt. Nun befürchtete ich, selbst „Opfer“ eines derartigen Arbeitsverhältnisses geworden zu sein, obwohl ich es besser wissen müsste.

Ein selbstverwalteter Betrieb

Nun wollte ich das ausbeuterische Bild meines Jobs als Lernbegleiter nicht so stehen lassen und habe einige Argumente ins Feld geführt, die mich von den Mitarbeiter*innen auf dem Google Campus unterscheiden: Zunächst arbeite ich nicht für einen weltweit agierenden Großkonzern, sondern für einen von Eltern getragenen Verein, der nicht profitorientiert wirtschaftet. Alle Überschüsse fließen wieder in

Privatleben
Verantwortung tragen zu dürfen, setzt unglaublich viel Kraft und Energie frei. Dennoch kann auch ein Job, der mit Leidenschaft ausgeübt wird, an einem zehren.

die Schule zurück oder werden für magere Zeiten als Puffer angespart. Niemals würde sich der Vereinsvorstand einen Boni auszahlen, wenn die Schule gerade ein Plus verzeichnet. Weiterhin werden wir als Team regelmäßig über die finanzielle Situation der Schule bis ins kleinste Detail in Kenntnis gesetzt und haben ein gewichtiges Mitspracherecht bei der Entscheidung, wie bestimmte Geldtöpfe verwendet werden. Auch unsere Schüler*innen verfügen über eigene Geldtöpfe, über die sie eigenverantwortlich in bestimmten Schülergremien (Sekundaria und Tertia Morgenkreis, Primaria-Rat, Schulversammlung) entscheiden. Unsere Schule versteht sich als selbstverwalteter Betrieb. Doch diese Selbstverwaltung fordert einen Preis: Die Mitarbeiter*innen, egal auf welcher „Stufe“ sie sich befinden, fühlen sich in bestimmter Art und Weise mitverantwortlich für den „Erfolg“ (oder auch das „Überleben“) der Schule. Sie sind nie nur Befehlsempfänger, die ausführen, was ihnen von oberer Stelle als Dienstanweisung vorgesetzt wird. Das setzt unglaubliche Kräfte und Energien frei. Es führt aber auch dazu, dass ein Abschalten und Loslassen nach der Arbeit manchmal nur schwer möglich ist. Wenn, wie in meinem Fall, noch zusätzlich typische Lehreraufgaben hinzukommen, ist eine Abgrenzung und ein Abschalten wichtig, um nicht kaputt zu gehen.

Privatleben: Auch mal loslassen können…

Privatleben sichern
Manchmal muss man einfach loslassen und beim Verlassen der Schule/Arbeit auch den letzten Gedanken an diese zu Ende denken.

Maren zeigte sich durchaus beeindruckt von meiner Argumentation. Direkt beim Sprechen wurde mir aber bewusst, dass ich gerade als junger Lernbegleiter vor einer großen Herausforderung stehe: Zwar werde ich nicht wie ein Google-Mitarbeiter im Silicon Valley maßlos ausgebeutet (auf Kosten meiner Freizeit und Gesundheit), dennoch muss ich lernen, meinen Enthusiasmus in Bezug auf meine Arbeit des Öfteren zu drosseln. Ich muss einen klaren Cut machen und mich bewusst auf meine Freizeit und mein Privatleben konzentrieren. Es gibt ein Leben jenseits von Arbeit. Das ist etwas, was wir unseren Schüler*innen versuchen, tagtäglich mitzugeben. Wir Lernbegleiter sollten da mit guten Beispiel vorangehen. Also habe ich in den letzten Wochen oft bewusst den Computer nachmittags ausgeschaltet und bewusst Zeit in mein Privatleben investiert: Kochen, Kneipenbesuche, Lesen und Zeit mit den Liebsten verbringen. Zwar musste darunter auch diese regelmäßige Veröffentlichung der Kolumne leiden (was mir ehrlich Leid tut!), dennoch bin ich mir sicher, dass ihr als Leser Nachsehen mit mir haben werdet. 🙂

 

 

Lehrer freie Schule Niedersachsen
Patrick ist Lernbegleiter an einer Freien Schule in Niedersachsen. Hier berichtet er wöchentlich über seine Erlebnisse.

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu Patricks letztem Artikel über das Lernen an Freien Schulen geht es hier: Von jemandem, der auszog, um seinen Eltern das Lernen an einer Freien Schule zu erklären

 

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